Keine Angst vor dem Blitz

Fotografieren mit Blitz ist mir zu umständlich/künstlich/aufwändig/unnatürlich/anstrengend/… Kennst du das?
 
Es gibt Erklärungen wie Sand am Meer, warum man als Fotograf – egal ob Hobby-, Amateur,- oder Profi – fotografieren mit Blitz einfach bleiben lassen. Viele davon klingen  herrlich logisch, dass man sie fast glauben möchte und doch sind sie großteils Ausreden.
 
Das erlaube ich mir jetzt mal zu behaupten, weil ich selbst einer davon war.
 
Anfänger schnappen am liebsten Sätze wie „Available Light / vorhandenes Licht ist viel schöner als Blitz“ auf. Die Steigerungsform dieser Selbstüberzeugung lautet „Fotografieren mit Blitz ist nicht echt und ich will echt sein“.
 
Aber Licht ist Licht. Egal ob natürlich oder Blitzlicht. Es kommt darauf an, was du daraus machst.
Wer darauf verzichtet, mit dem Blitz sein eigenes Licht zu machen, der verzichtet auf einen wesentlichen und großartigen Teil der gesamten Fotografie.
 
Damit will ich niemandem zu nahe treten, ich weiß selbst, dass man fotografieren mit Blitz gern umgehen möchte und das auch sehr lange hinkriegen kann. Ich verstehe die Beweggründe, ich verstehe die Erklärungen die man sich dafür zurechtlegt und habe einen großen Teil davon selbst verwendet.
Trotzdem  möchte ich hier ein paar Punkte aufgreifen, die möglicherweise zum Umdenken bewegen. Wenn du erst mal verstanden hast, was ein Blitz alles für dich tun kann  wirst du dich sehr auf das fotografieren mit Blitz freuen.
Die Vorteile überwiegen bei Weitem den Aufwand der dahinter steckt. Wie du gleich sehen wirst.
Fangen wir von vorne an:
Warum fotografieren mit Blitz so gemieden wird
Erst mal möchte ich etwas detaillierter darauf eingehen, warum wir als Fotografen dazu neigen, dem fotografieren mit Blitz aus dem Weg zu gehen.
Fotografie ist Arbeit mit Licht und Geschichten. Warum also der eigenen Fotografie so ein wichtiges Element wie Licht das man selbst gestalten kann wegnehmen?
Inzwischen weiß ich, warum.
Es geht nicht darum, dass fotografieren mit Blitz prinzipiell das „bessere fotografieren“ wäre. Gar nicht. Es geht vor allem darum, dass wir uns unabhängiger vom Umgebungslicht machen und die Lichtstimmung,  überall selbst konstruieren können.
Ist das „gelogen“?
Natürlich nicht. Zumindest nicht mehr, als alles andere, das wir Abseits der Reportagefotografie tun. Reportage ausgenommen – dort zählt tatsächlich das, was vorhanden ist – bilden wir niemals ausschließlich das ab, was da ist, sondern konstruieren ein Bild um es dem Zuseher zu zeigen. Um unsere Sichtweise zu zeigen oder eine Geschichte zu erzählen.
Und der Blitz ist ein wesentliches Werkzeug auf dem Weg dahin.
Das sieht nicht „unnatürlich“ aus, wenn man weiß was man tut. Ganz im Gegenteil, gut eingesetztes Blitzlicht kann sehr natürlich aussehen.
Es spart Zeit, Nerv, damit auch Geld und es gibt uns erheblich mehr kreativen Spielraum.
Im Gespräch mit verschiedenen Fotografen ist mir klar geworden, dass sie für sich die selben Ausreden und Erklärungen zurechtgelegt hatten, die ich von mir selbst und hunderten anderen Fotografen schon kannte. Bzw. ist es mir dort gerade klar geworden.
Seither versuche ich noch mehr Fotografen zum fotografieren mit Blitz zu motivieren. Weil es wirklich nicht so schwer ist, wie man denkt und weil es uns allen so sehr dabei helfen kann, besser zu fotografieren.
 
Die Vorteile am fotografieren mit Blitz.
Lass mich kurz nur ein paar der wichtigsten Vorteile zusammenfassen, die dir das fotografieren mit Blitz bieten kann:
– Wie schon angesprochen – Du machst dich unabhängig von Umgebungslicht und kannst deine eigene Lichtstimmung an jedem Ort jederzeit gestalten und dein Motiv besser zur Geltung bringen.
– Du kannst vorhandenes Umgebungslicht mit Blitzlicht mischen und damit noch mehr der Stimmung die du ausdrücken willst in dein Foto bringen.
– Du kannst in schlechten Lichtverhältnissen mit geblitzten Fotos durch die kurze Abbrennzeit der Blitze mehr Schärfe ins Bild bringen.
– Mit richtig eingesetzten Farbfolien kannst du die Stimmung in einem Foto wesentlich beeinflussen. Fühlt sich manchmal einfach richtig an.
– Du kannst Schatten aufhellen. Klingt einfach, ist es auch. Manchmal braucht man einfach nur Hilfe, einen Bereich der im Schatten steht aufzuhellen.
– Das führt auch gleich zum nächsten Punkt, ausgeglichene Belichtung. Wir haben bei der Belichtung manchmal keine Möglichkeiten zwischen hellen und dunklen Bereichen auszugleichen und müssen dann in der Nachbearbeitung die Schatten zu sehr aufhellen. Mit einem Blitz kannst du dir hier schon beim Fotografieren helfen, das führt zu ausgeglichenerer Belichtung.
 
Distanz und Blitz
Fotografieren lernen bedeutet – auf der technischen Seite – zuerst mal ISO, Blende und Belichtungszeit (Belichtungsdreieck) zu verstehen.
Wenn der Blitz dazukommt, dann kommen zum Belichtungsdreieck noch 2 Punkte dazu.
Die Blitzleistung, also die Lichtmenge die der Blitz ausgibt zum einen.
Und zum anderen – die Distanz zwischen Blitz und Motiv und die Distanz zwischen Motiv und Hintergrund.
Das ist ein wesentlicher Punkt, der viel zu oft nicht bedacht und ordentlich gelernt wird beim Umgang mit dem Blitz.
 
Grundlegende Fehler beim fotografieren mit Blitz
Es gibt ein paar ganz einfache, aber grundlegende Fehler, die die meisten Menschen beim fotografieren mit Blitz machen. Diese Fehler sind es dann auch, die uns daran hindern dem Blitz eine zweite Chance zu geben und damit weiterzuarbeiten.
Schaffst du es diese Fehler zu vermeiden, ist schon mal ein erster wichtiger Schritt getan.
Der Rest ist ein bisschen Mathematik (ich schwöre, wenn einer meiner Lehrer, die ich jemals hatte diese Zeilen lesen würde, sie würden die Welt nicht mehr verstehen.
 
1. Blitz auf der Kamera
Der größte und meistgesehene Fehler. Nur weil der Blitz von den Herstellern so gebaut wurde, dass er perfekt auf den Blitzschuh auf der Kamera passt, heißt das noch lange nicht, dass dort der beste Ort für ihn ist. Ja, man kann einen Blitz da oben verwenden, wenn man weiß wie. Aber man sollte das so gut wie möglich vermeiden.
Ein Blitz sollte möglichst bald „entfesselt“ verwendet werden. Also nicht auf der Kamera, sondern unabhängig von der Kamera aufgestellt bzw positioniert werden. Dazu gibt es viele Möglichkeiten – Infrarot Auslöser, Funkauslöser oder Kabel. Mein Favorit dabei ist definitiv der Funkauslöser. Nicht so anfällig wie Infrarot, nicht so gebunden wie Kabel.
 
2. Falsche Erwartungshaltung an den Blitz
Von einem eingebauten „Popup Blitz“ sollte man generell einfach nicht zu viel erwarten. Das ist eigentlich ein Notlicht. Und doch wird er ständig verwendet. Mit großer Enttäuschung danach.
Ich hätte gerne für jeden Touristen, den ich schon beim Versuch eine Kirche oder gar eine ganze Bergkette bei Sonnenuntergang mit dem Blitz auf der Kamera zu blitzen, nur 10 Cent. Ich wäre „Dienstag Mittag fertig“, wie der Wiener Bürgermeister mal sagte.
 
3. TTL falsch verstanden
TTL ist eine Automatik. Und genau wie in der Kamera ist eine Vollautomatik selten eine gute Idee. Man kann TTL nutzen und nach den eigenen Bedürfnissen korrigieren, wenn man die Grundlagen verstanden hat, wie Blende, Belichtungszeit, ISO und Distanzen zusammenarbeiten. Wenn man das nicht gelernt hat, dann wird zu 99% das Motiv zu hell und der Hintergrund zu dunkel. Oder es passiert noch schlimmeres.
 
4. Angst
Ja, es ist fast eine Art von Angst, die wir vor dem Blitz haben, bevor wir ihn verstehen. Als wären Kameras nicht schon vermeintlich kompliziert genug (was sie ja in Wahrheit gar nicht sind) wirkt der Blitz noch undurchschaubarer. Ich weiß genau, dass ich nicht der einzige bin, der seinen allerersten Blitz nur 3, 4 mal verwendet hat, um ihn dann jahrelang in einer einsamen Ecke verstauben zu lassen. Man weiß einfach nicht, wo man bei den ganzen Ausdrücken zwischen HSS, TTL und den ganzen Tasten da drauf überhaupt anfangen soll.
Es hilft zu Beginn ungemein, wenn man sich mal klar macht – es ist nur Licht. Es kann hauptsächlich eine einzige Sache – heller und weniger hell leuchten. Wie eine Taschenlampe mit Leistungsregelung. Heller. Dunkler. Fertig. Der Rest ist keine Raketenwissenschaft, sondern ein paar wenige Funktionen die man relativ rasch lernen kann.
 
5. Leitzahl und andere verwirrende Zahlen
Ich werd mich so kurz wie möglich fassen hier – Leitzahl ist nichts weiter als eine etwas kompliziert formulierte Leistungsangabe für die Blitzleistung. Also wie viel Licht aus einem Blitz unter gewissen Bedingungen rauskommt. Die einfache Antwort reicht fürs Erste – Hohe Leitzahl = mehr Leistung, niedrige Leitzahl = weniger Leistung.
Unterm Strich ist es wie bei allen anderen Themen in der Fotografie  – es ist nicht so schwer, wenn man es erst mal beherrscht.
Wichtig ist wie immer den richtigen roten Faden durchs Thema zu haben, nicht wahllos vereinzelte Informationen durcheinander zu lernen und damit noch mehr Verwirrung zu schaffen. Ein (richtiger) Schritt nach dem anderen und du bist erheblich schneller am Ziel als du denkst um dich dann zu wundern, warum dir das so kompliziert erscheinen konnte.

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